SOO: Die Service-orientierte Organisation
Das Buch von Gareth Morgan über "Bilder der Organisation"
liefert verschiedene Metaphern für die Organisation, von der
Organisation als Organismus bis zur Organisation als
Machtinstrument. Es vermeidet die konkrete Definition des Begriffs
Organisation.
Wir definieren die Organisation als äquivalent zur Summe ihrer
Leistungen. Wir setzen sie nicht gleich der Summe ihrer
Leistungen, da sie aufgrund der Menschen, die diese Leistungen
erbringen, zwangsläufig weitere Facetten hat. Die Äquivalenz
erlaubt uns jedoch eine Vielzahl von Schlussfolgerungen über die
Klassen.
Die service-orientierte Ausrichtung von
IT-Organisationen, speziell des IT-Betriebs, kann durch drei
Faktoren unterstützt werden:
- eine definierte Service-Verantwortung mit
Kostenträgerverantwortung (s.u.)
- eine verursachungsgerechte Leistungsverrechnung
(s.u.)
- eine Ausrichtung an ITIL V3 (etwa auf Basis des
3-Center-Konzepts)
Lässt die Ausrichtung auf
Services noch Platz für funktionale Organisationseinheiten
(Center als Kernbereichsmodell gemäß Krüger, v.Werder, Grundei:
Center-Konzepte)? Die
Antwort ist ja! Allerdings erweisen sich funktionale
Organisationseinheiten nur dann als effizient, wenn ihre
Leistungen i.w. unspezifisch bzgl. des einzelnen Services sind.
So wäre etwa eine funktionale Organisationseinheit, die im Rahmen der
Leistungserbringung immer unterscheiden muss, ob eine Leistung
für Services A, B oder C ansteht,
ineffizient.
Die Leistungen der
Organisation lassen sich differenzieren, um ihre Semantik zu
präzisieren (siehe Abschnitt über den
Leistungsgraph). Die
(differenzierten) Leistungen stehen in nutzt-Beziehungen
zueinander. Man kann zeigen, dass der Leistungsgraph o.E.d.A.
ein vorwärtsgerichteter Graph ist. Die Leistungen an der Front,
der Schnittstelle zum Kunden, sind die Services. Die
nutzt-Beziehungen lassen sich gewichten, etwa nach Kriterien der
Leistungsverrechnung.
Auf dem gewichteten
Graphen kann eine Metrik definiert werden, die Abstände zwischen
zwei Knoten danach bewertet, wie weit sie im Einzugsbereich
derselben Services liegen. Das folgende Bild veranschaulicht
dies.

Diese Metrik kann
genutzt werden zur Definition einer Service-orientierten
Kostenstellenstruktur. Das System wird dazu quasi "erhitzt" und
zerfällt in Cluster von Services und internen Leistungen, die
stark mit dem Einzugsbereich eines bestimmten Services
korrelieren.

Die Metrik stellt dabei sicher, dass jeder Service
einen eigenen Cluster bildet (neben diesen Service-bezogenen
Clustern können auch Cluster rein interner Leistungen entstehen;
sie sind Kandidaten für ein Outsourcing (siehe
Outsourcing-Analysen)). Jeder Cluster definiert eine
Kostenstelle.
Jedem Service-bezogenen
Cluster wird ein Service-Verantwortlicher zugeordnet, der
gleichzeitig Kostenstellen-Verantwortlicher ist. Diese Zuordnung
ist essentiell, denn sonst wäre der Service-Verantwortliche wie
ein Projektleiter ohne Budget. Die Ausstattung des
Service-Verantwortlichen mit der Kostenstellenverantwortung für
den Service-bezogenen Cluster wird die Organisation zwangsläufig
zu einer service-orientierten Organisation wandeln.
Der IT-Leistungsgraph
Die Leistungen der IT
definieren sich hinsichtlich ihrer Semantik durch die Verfeinerung in einer baumartigen
Struktur. Die Blätter beschreiben die Pragmatik, so wie der rote
Kopf des Vaters das Ende der "Warum"-Fragen des Kindes
signalisiert. Das folgende Bild verdeutlicht dies:

Die Präzisierung kann hierbei natürlich mehr als 2 Ebenen
umfassen und wird dies für
Outsourcing-Analysen und
Servicekatalog-Definition zu bestimmtem Leistungen auch tun.
In diesem Bild definiert sich eine IT-Organisationseinheit über
die Summe ihrer Leistungen. Eine Einheit ohne Leistungen ist
überflüssig. Zwischen den Leistungen bestehen nutzt-Beziehungen,
die einen vorwärtsgerichteten Graphen definieren, den
Leistungsgraphen. Die Leistungen an der Kundenschnittstelle
werden Services genannt, andere 'interne Leistungen'. Sie sind zur
Service-Erbringung nötig. Die Kanten erfahren eine
Bewertung durch prozentuale Umlagefaktoren. Die Summe der
Faktoren ausgehender Kanten eines Knotens ist immer 100%.
Da i.a. Services für unterschiedliche Kundengruppen
unterschiedlich bepreist werden (etwa Subventionierung einer
neuen Niederlassung in Übersee), wird dem Leistungsgraphen ein
Strategie-Knoten hinzugefügt, über den einzelne Services
verbilligt und im Gegenzug bestimmte Leistungen verteuert werden
können. Dies ergibt folgendes schematisches Bild des
Leistungsgraphen:

Die Begriffe Dienst und Service werden dabei synonym verwendet.
Der Servicekatalog
Nach
einer Umfrage von CMP-WEKA aus dem Jahr 2003 besitzen fast 55%
der IT-Organisationen noch keinen IT-Servicekatalog. Dabei würde
ein solcher Katalog einige der drängenden Fragen der IT-Kunden
beantworten:
□
Welche Services bietet die IT?
□ Welche Servicezeiten und Verfügbarkeiten
garantiert die IT?
□ Welche Optionen zu den Services bietet die
IT?
□ Gibt es (preiswertere) Varianten der
Services?
□ Wie kann ich meine IT-Kosten steuern?
□ Warum ist die IT so teuer?
Denn ein
IT-Servicekatalog
□
bringt die Diskussion über den Wert der IT auf eine sachliche
Ebene
□ definiert die zur Verfügung stehenden
Services in einer für den Kunden
verständlichen Sprache
□ enthält Varianten, Optionen, Preise zur
Auswahl und Steuerung durch den
Kunden
□ ist Basis für SLA's mit Kundengruppen
□ ist Basis für eine verursachungsgerechte
IT-Leistungsverrechnung
□ ist Steuerungs- und Marketing-Instrument der
IT
Die
Schicht "Dienste" (Services) des Leistungsgraphen (s.o.) ist die Domäne des
Servicekatalogs.
Die
Services müssen differenziert werden, um verrechenbare Services
zu erhalten. Dies verdeutlicht das folgende Bild:

Der Servicekatalog ist
dabei ein Ergebnis aus
□
Servicedefinition
□ Kostenbestimmung (AfA, Personalkosten,
Wartungsverträge,
Umlagefaktoren etc.)
□ Servicedifferenzierung (funktional über
Varianten und Optionen und gemäß
Standard-Malus/Bonus/Rabattregeln
zu Dienstgüten)
□ Mengenplanung (im Rahmen der Budgetplanung)
Services mit Standard-SLA's und
Service-Preisen ergeben also den Service-
katalog.
Das Vorgehen zur Ermittlung eines
Servicekatalogs noch einmal im Überblick:

Die
IT-Leistungsverrechnung
Eine
Umfrage von CMP-WEKA aus dem Jahr 2003 zeigte, dass über 60% der
IT-Organisationen in Deutschland IT-Kosten wie Gemeinkosten
umlegten.

Die
Tendenz in den meisten IT-Organisationen, ob in privater oder
öffentlicher Hand, geht jedoch deutlich in Richtung
verursachungsgerechter Verrechnung auf Basis eines definierten
Servicekatalogs und einer Verbrauchsabrechnung.
Die
IT-Leistungsverrechnung ist eingebettet in die Prozesse des
Budgeting, Accounting and Charging gemäß ISO 20000. Die
Einbettung veranschaulicht das folgende Bild, das den Lifecycle
von ITIL V3 integriert.

Vorgaben der Strategie zu Sourcing, Service-Portfolio und
Regeln/Richtlinien (etwa Profit-Vorgabe) und der Servicekatalog
(inkl. Service-Schneidung) sind Eingangsgrößen für die
Planungsphase. Die Planungsphase umfasst Kostenplanung,
Budgeting und Preiskalkulation und die Businesscase-Planung,
dies sowohl für das Portfolio wie für die einzelnen Services!
Für das Portfolio wird dies durch Budgeting&Accounting gemacht,
für den einzelnen Service durch den Service-Owner. Ergebnis sind
u.a. je Service Kosten-, Preis- und Verrechnungsmodell und der
(aktualisierte) Businesscase. In der Betriebsphase erfolgen
Kostencontrolling, Leistungsverrechnung und das
Businesscase-Tracking. Das Businesscase-Tracking wird durch die
Service-Owner für die ihnen zugeordneten Services gemacht, das
Businesscase-Tracking für das Gesamtportfolio durch
IT-Controlling. Im Rahmen des Service-Improvements (nach
ISO 20000 Teil des Service
Managements, nach ITIL V3 Teil des Continual Service Improvement
Prozesses) werden Verbesserungsvorschläge für Prozesse und
einzelne Services gemacht. Service-Verbesserungsvorschläge werden in den Serviceportfolio-Mgmt-Prozess eingesteuert. Im Rahmen des
Serviceportfolio-Mgmt wird entschieden, welche der
Vorschläge in die Spezifikation gehen und damit in den
Servicedesign-Prozess eingesteuert werden. Danach wird
entschieden, für welche der Spezifikationen Umsetzungsprojekte
aufgesetzt werden. Die Umsetzungsprojekte folgen etwa einem
Prozessmodell wie CMMI 1.2.
Die Integration der erstellten Produkte in den Betrieb und ihre
Überführung in Betrieb&Support-Service(s) erfolgt im Rahmen der
Transition-Phase von ITIL V3. Zurück zum Steuerungsinstrument
"IT-Leistungsverrechnung" für eine service-orientierte
Ausrichtung der IT:
Die
IT-Leistungsverrechnung basiert auf ermittelten Preisen für die
Services, dem Verbrauch und den Malus/Bonus/Rabatt-Regeln
entsprechender SLA's. Der Verbrauch wird gemessen anhand der
Service-Einheiten (häufig User und Zeiteinheit). Neben dem
Verbrauch muß die IT die Einhaltung von SLA's messen und ggf.
Nachlässe in der Endabrechnung gewähren (nach Verrechnung aller
Boni).

Zur
Berücksichtigung von Malus/Bonus- und Rabattregeln siehe White paper zu
IT-Leistungsverrechnung. Die Preise setzen die Kenntnis der
Kosten insbes. interner Leistungen, die für die
Service-Erbringung nötig sind, voraus und eine
Absatzmengenplanung. Für die Kostenermittlung dient der
Leistungsgraph mit seinen
Umlagefaktoren und die Kenntnis der Eigenkosten jeder Leistung
gemäß der in der betr. IT geltenden Kostenarten (AfA, Personal,
Wartungsverträge etc.). Die Idee ist, die Umlagefaktoren im
Leistungsgraph zunächst durch Expertenschätzung zu erhalten und
dann nur gezielt für sog. Kostentreiber durch Messungen zu
überprüfen. Das reduziert den Aufwand für Messverfahren
erheblich. Kostentreiber in diesem Sinne sind Leistungen mit
hohen Eigenkosten-Anteilen.
Eine
spezielle Ausprägung dieses Modells, in dem alle internen
Leistungen zu einer Schicht (im vorwärts gerichteten Graphen vor
den Services) aggregiert werden, ist das sog. "Kostentreiber-Modell"
von Göing.
Ein
Werkzeug zur Implementierung des Leistungsgraphen, in dem je
Kante nicht nur eine Prozentzahl, sondern ein komplexes Objekt,
nämlich ein Vertrag definiert werden kann, stellt die
Fa. Nicetec mit netInsight
bereit. Die Möglichkeit, einen Vertrag zu definieren, ist
insofern von großem Interesse, weil nämlich in dem Augenblick,
in dem eine interne Leistung einem Outsourcing unterzogen wird,
an der Kante genau eben ein Vertrag entsteht.
Outsourcing-Analysen
Analysen
zum Outsourcing einzelner Leistungen basieren zum einen auf
Skalierungsproblemen. Das soll an einem Beispiel erläutert
werden: Die Preise für IT-Services bleiben üblicherweise 1 Jahr
konstant (in seltenen Fällen für ein halbes Jahr oder gar
monatsweise). Machen die IT-Kunden davon Gebrauch, etwa durch
reduzierte User-Zahl ihre Kosten zu drücken, bleibt die IT
zunächst einmal auf diesen Kosten sitzen (etwa SW-Lizenzen oder
PC-Arbeitsplatz). Für eine große IT mag das kein Problem sein,
da sie solche Fluktuationen gut abfedern kann, für eine mittlere
IT kann das bereits Grund sein, zu überlegen, solche Services
von einem großen spezialisierten Zulieferer zu beziehen. Die
Skalierung der IT ist in diesem Fall der Service-Variabilität
(Steuerbarkeit durch den Kunden) nicht angemessen.
Analysen
zum Outsourcing basieren zum zweiten auf Benchmarking-Problemen,
d.h. eine Leistung kann aus welchen Gründen auch immer nicht zu
marktüblichen Preisen erbracht werden.
Analysen
zum Outsourcing können schließlich auch auf dem
Leistungsgraphen basieren.
Auf Basis von Softlab's L-Metrik können durch "Erhitzen des
Systems" Cluster interner Leistungen entstehen, die
vorgehensimmanent gut abgegrenzt sind gegenüber anderen Clustern
und so Kandidaten für ein Outsourcing bilden. Jeder solche
Kandidat ist dann zu differenzieren (um die
Leistungsdefinitionen präziser zu haben) und einem Benchmarking
zu unterwerfen. Das Benchmarking erfolgt dabei zunächst grob.
Bestätigt sich dabei der Verdacht, dass die Leistungen des
Clusters signifikant zu teuer sind, kann eine Ausschreibung
erfolgen.
In
einem Anwendungsfall wurde das Testcenter service-orientiert
ausgerichtet. Der Ablauf im Testcenter wurde hochgradig
automatisiert, von der Bereitstellung der Unternehmensprofile
bis zu den Tests auf Basis von Testkonserven selbst. Die
Prozessoptimierung innerhalb des Testcenters unterschied u.a.
die Rollen Test-Designer, Test-Implementierung und
Test-Durchführung. Die Test-Durchführung wurde einer
Offshoring-Analyse unterzogen.
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